22. September 2016

„Ich bin gläubig und ich spiele gerne Fußball!“ - Interview mit Niango Nkomo (19) aus dem Senegal, seit drei Jahren in Bayern


 
DER TÖDLICHE PASS: Herr Nkomo, Sie sind ja vor drei Jahren, also vor der großen Flüchtlingswelle nach Deutschland gekommen – was war der Anlass dazu?

NIANGO NKOMO: Meine Eltern sind bei einer Explosion ums Leben gekommen, ich bin das älteste von fünf Kindern, ich wollte Geld verdienen, aber im Senegal ist das schwer. Ich habe dann von einem Freund gehört – wir waren im selben Fußballklub in Dakar – von einem Mann, der gegen Geld einen Weg nach Europa weiß.

DTP: Ein Schleuser…?

NN: Ja, dem habe ich alles Geld unserer Familie gegeben und er hat mich nach Europa gebracht.

DTP: Auf welchem Weg ging das?

NN: Das will ich nicht sagen. Ich darf es nicht sagen, das war das Geschäft.

DTP: Wie sind Sie dann nach Deutschland und nach Bayern gekommen?

NN: Meine Eltern haben mich sehr christlich erzogen, sie haben mich immer in die Kirche mitgenommen. Und ich bin ein gläubiger Christ geworden! Wir hatten viele Christen in unserer Fußballmannschaft. Wie ich in Europa angekommen bin, habe ich aus Dank zu Gott gebetet und das hat jemand gesehen, der hat mich zu einem christlichen Haus gebracht und die haben mir dann einen Platz in einem Flüchtlingsheim in Bayern – wie sagt man: geschafft?

DTP: Verschafft. Sie sind ja in einer sehr ländlichen Gemeinde untergekommen; wie wurden Sie aufgenommen?

NN: Zuerst habe ich mich nur gefreut, dass ich in Deutschland war. Und viele Menschen waren auch freundlich zu mir. Sie wollten zuerst nicht glauben, dass ich ein Christ bin. Aber der Pfarrer hat mir in die Augen geschaut und gesehen, dass ich eine gute Seele und keine schwarze Seele habe, hat er gesagt. Er hat mich sogar als Diener in die Kirche genommen…

DTP: … als Ministrant?

NN: Ja so heißt das, genau. Da darf ich den Wein tragen und der Pfarrer schüttet ihn dann aus. Und ich spiele hier Fußball!

DTP: In einem Verein?

NN: Jaja, ein Verein! Ich spiele Jungen…

DTP: … Jugend…

NN: … ja Jugend, und da bin ich ein Rechtsverteidiger.

DTP: Das ist doch schon mal eine vielversprechende Position. Sind Sie denn als Flüchtling offiziell anerkannt?

NN: Ich habe eine Duldung, heißt das so? Und ich will auch nicht mehr zurück. Ich bin in einer Schule für einen Beruf, Automechaniker…

DTP: Da lernen Sie dann auch, wie man schummelt…

NN: Was ist „schummeln“?

DTP: Wenn man im Strafraum hinfällt, aber es war gar kein Foul…

NN: Oh ja, das lerne ich beim Fußball! Sagt der Trainer, wir müssen auch eine Schwalbe können!

DTP: Aber geht das nicht gegen Ihren christlichen Glauben?

NN: Nein, Gott verzeiht meine Sünden, große und kleine Sünden! Gott verzeiht auch Politikern, die Flüchtlinge heimschicken wollen.

DTP: Denken Sie da an bestimmte Politiker?

NN: Nein, viele Politiker sagen so. Aber vor ein paar Tagen hat ein christlicher Politiker aus Bayern gesagt, dass er Flüchtlinge aus Senegal nicht heimschicken will –

DTP: Äh, naja, er meinte, dass er solche wie Sie nicht mehr loskriegt –

NN: Jaja, nicht mehr weg, nicht mehr weg von hier. Das ist ein guter Mann, und ich habe dem Pfarrer sofort gesagt, dass ich in diese Partei will.

DTP: Wie? Sie wollen in die CSU eintreten?

NN: Jaja, CSU, das ist eine christliche Partei, und alle Politiker werden mir helfen. Das sind gute Menschen, die haben keine schwarze Seele.

DTP: Wenn Sie sich da mal nicht täuschen… Herr Nkomo, wir wünschen Ihnen für Ihren weiteren Lebensweg alles Gute.

12. September 2016

Doppelte Stammesbürgerschaft

Bald wird angestochen - das erste Fass Oktoberfestbier, und dann ist eines der größten jährlich wiederkehrenden, staatlich tolerierten und  tourismusamtlich heftigst beworbenen Drogen-Festivals, vulgo die Wiesn, in München eröffnet. Die Droge Alkohol fließt dann stündlich hektoliterweise, und wer was auf sich hält, stolziert mit einem neuen Outfit daher.

Der Lokaltermin ist auch für die Vertragsspieler des FC Bayern schon seit langem Pflicht; unbeschadet der kulturellen und nationalen Herkunft wird jeder von ihnen in Trachtenhemd und Lederhose gezwängt, auf dass die Freistaatshymne "Gott mit dir, du Land der Bayern" zwangsintegrativ zumindest im Profifußball eine mindestens zweite Bedeutung erhält.

Doch auch der FC-Bayern-Fan kann, noch dazu wenn er oder sie aus Bayern stammen, die Wahrzeichen der doppelten Stammesbürgerschaft zur Schau stellen. Das erlauben Merchandise-Katalog: hier findet sich alles, aber auch wirklich alles, was der Wiesngänger braucht. Vom Trachtenhemd über Halstuch, Lederhose, Strickjacke, Socken, Samtweste, Softshelljacke, Longsleeve, Poloshirt, Handtasche, Dirndl, Bluse, Leder Lanyard, Filzhut, Faltshopper, Badehshorts, Maßkrug, Bierdeckel, Wiesnschal, Schlüsselanhänger, Lebkuchenherz, Baby-Nuckelkrug und Badeente Trachtenedition gibt es alles, was das Bayern-Wiesn-Herz begehrt, denn auf allem prangt das FC-B-Logo und die Freistaatsraute.

Das gesamte Bayern-Protzprogramm kostet rundum einen schlappen Tausender! Und nachdem die Marketingabteilung diese Sachen nicht einfach mal so produzieren lässt, scheint das wohl auch gekauft zu werden. 1000 Euro!

Und am Ende (der Sauftour) gibt's zur FC-Bayern-Wiesn-Tracht ja vielleicht sogar noch eine Tracht umsonst: Prügel nämlich... Es sollen ja auch Sechzger, Dortmunder, Schalker etc. pp. schon in den Zelten gesehen worden sein...

Lob des Kunstschusses

Dresden - Lotte - Leipzig - Darmstadt - Hoffenheim: fünf Lichtblicke im Profitfußball, die auf bessere Zeiten hoffen lassen!

Wie meinen?

Nun, viel wurde geredet und publiziert und diskutiert und wieder beredet um Taktik, die falsche 9, die doppelte 6, der deutsche Achter (hoppla, falsche Sportart), eine verschobene Raute, eine flache Raute, Dreier- oder Viererketten: man konnte meinen, dass ohne Taktikwissen - oder zumindest dem, was sog. Experten für Taktikwissen ausgaben - könnte man kein Fußballspiel mehr sehen, geschweige denn verstehen.

Nun also das Lob des Kunstschusses: des Einzelgängers, des Einzelnen, der eben nicht bis in die zehnte Minute der Nachspielzeit der taktischen Anweisung des Laptoptrainers folgt, sondern einfach mal draufhaut, sein Glück versucht, das Spiel Fußball spielt, und möglicherweise Erfolg hat oder auch nicht. So wird ein Fußballschuh draus.

Und die Ligen werden wieder spannend. Hoffen wir also auf das anarchische Element - und die Querköpfe im besten Sinne, die ein Fußballspiel, selbst in seiner Profit-Variante, wieder ansehnlich machen.